Traumatherapie zur
Auflösung von
Zahnarztängsten
von Vigyano Bert Schulte,
veröffentlicht in der Zeitschrift "Balance",
Ausgabe 2/2005
Es war Dienstagmorgen
11.20 Uhr und ich hörte von meinem Zahnarzt, was ich schon befürchtet hatte:
der Eckzahn sei nur noch durch eine Wurzelspitzenresektion (operatives
Entfernen der Wurzelspitze) zu retten. Ein mulmiges Gefühl überkam mich und
viele Erinnerungen an wenig erfreuliche Erlebnisse auf dem Zahnarzt- und
Kieferchirurgenstuhl wurden wieder wach. Aber es gab keinen anderen Weg,
meine Zahnschmerzen los zu werden, und so wurde zwei Tage später ein
Operationstermin beim Kieferchirurgen vereinbart.
Für den Nachmittag
desselben Tages stand "zufällig" eine SE ©-Sitzung an. Die SE © - (Somatic
Experiencing)-Trauma-Therapie nach Levine ist eine von dem Amerikaner Dr.
Peter Levine entwickelte Therapie zur Behandlung posttraumatischer
Belastungsstörungen – ein neurobiologischer Ansatz, der aus der Beobachtung
an wild lebenden Tieren entstanden ist. Dieser neue und in Europa noch wenig
bekannte Therapieansatz hat sich als sehr erfolgreich bei der Behandlung von
Symptomen, wie sie nach Unfällen, Operationen, Verletzungen oder Erfahrungen
von Gewalt auftreten können (Ängste, Panikattacken, Rückblenden, vegetative
Störungen, Schlafstörungen), erwiesen.
Man arbeitet in dieser
Therapie nicht direkt mit dem traumatischen Ereignis, sondern nähert sich
vorsichtig den Randschichten der traumatischen Erinnerungen und pendelt
immer wieder zu stärkenden Ressourcen (Kraftquellen, angenehme Vorstellungen
etc.).
Großer Wert wird dabei
auf die bewusste Wahrnehmung körperlicher Reaktionen gelegt. Spannungen im
Nervensystem, die sich während eines traumatisches Ereignisses aufgebaut
haben, können sich während der Behandlung in kleinen Schritten lösen und die
auftretenden Symptome vermindert werden. Was die Methode sehr sanft und
angenehm macht ist die Tatsache, dass ein nochmaliges Durchleben des
traumatischen Ereignisses nicht notwendig ist.
Dass ich für diesen
Nachmittag eine SE © -Sitzung vereinbart hatte, erwies sich als Glück „im
Unglück“, denn ich hatte dadurch die Gelegenheit, die anstehende Operation
prophylaktisch „durchzuspielen“.
Während ich im
Korbsessel saß, ging ich Schritt für Schritt den mir so gut bekannten
Verlauf der Behandlung beim Zahnarzt bzw. Kieferchirurgen durch. Vom Platz
nehmen auf dem Behandlungsstuhl, der ersten Begegnung mit dem Arzt, Abwägen
des Vertrauens zu Arzt und Helferin.
Die ersten Ängste und
damit verbundenen körperlichen Reaktionen entstanden. Doch parallel dazu
machte ich mir hilfreiche Ressourcen bewusst und beobachtete ihre Wirkung
auf meine Angstreaktionen.
Interessante
Bewegungsimpulse tauchten auf: Eine Abwehrbewegung meines linken Arms gegen
die Instrumente des Arztes. Der Impuls wegzulaufen. Ein wichtiger Hinweis
der SE © -Therapeutin war: "Du kannst stopp sagen, darauf achten, das es dir
nicht zu schnell geht in der Behandlung."
Schon meine Lage auf dem
Behandlungsstuhl war ein wichtiger Aspekt, denn je horizontaler sie war,
desto mehr fühlte ich mich hilflos und ausgeliefert (biologisch betrachtet
werden Flucht oder Kampf in Rückenlage fast unmöglich). Eine auditive
Ressource, die sich zwei Tage später als äußerst hilfreich erwies, war die
Vorstellung vom Brandungsgeräusch des Meeres. Mit dem lauten Brausen des
Meeres, wenn auch nur in meiner Vorstellung, konnte ich das ekelhafte
Geräusch des Bohrers dämpfen und so meine Stressreaktionen mildern.
Hilfreich war ebenfalls,
dass ich mir die Behandlung bis zum Ende und darüber hinaus vorstellte.
Viele „Entladungen“ in meinem Nervensystem konnte ich beobachten. Ein
leichtes Zittern und/oder Anspannung in bestimmten Muskeln und dann den
erschöpften aber angenehmen Zustand von: "Ich hab´s hinter mir". Spürbare
Entspannung im Körper, besonders in der Nacken- und Rückenmuskulatur (eine
Streckung im Nacken und leichte Kopfbewegungen signalisieren in der
SE © -Methode das Wiederkehren von Orientierungsreaktionen – ein Tier schaut
sich nach überstandenem Angriff vorsichtig nach allen Seiten um).
Zwei Tage später dann
konnte ich meine theoretischen Erfahrungen in die Praxis umsetzen. Schon auf
der Fahrt zum Kieferchirurgen war ich wesentlich ruhiger, als ich es sonst
vor Eingriffen dieser Art war. Da war ich oft so verwirrt, dass ich mich
verfuhr und erst in letzter Minute abgehetzt in der Praxis ankam. Diesmal
kam ich pünktlich und ruhig an.
Nach der Anmeldung wurde
ich ins Behandlungszimmer geführt und nahm auf dem Behandlungsstuhl Platz.
Die erste Begegnung mit Arzt und Helferin verlief positiv. Deren Kontakt war
freundlich, und der fachlich kompetente Arzt erklärte mir genau, was er
machen würde.
Dann kam der erste Angst
auslösende Moment für mich, das Setzen der Betäubungsspritze. Ich habe keine
Angst vor Spritzen, wenn es um Blutabnehmen oder Injektionen geht, aber bei
Zahnarztbetäubungsspritzen habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich,
besonders wenn mehrmals gespritzt wird, in Panik gerate. Lange hielt ich
diese Unruhe im Körper und die panische Angst für eine rein emotionale
Reaktion, bis ich erfuhr, dass sich in der Spritze neben dem
Betäubungsmittel auch noch Adrenalin befindet. D.h. der Körper wird auf
chemisch-hormonellem Weg in Kampf- oder Fluchtbereitschaft versetzt, ohne
Möglichkeiten zum Ausagieren zu haben.
Als ich die Unruhe im
Körper spürte, die nach dem Setzen der Spritze entstand, stand ich vom
Behandlungsstuhl auf und ging einige Schritte im Raum hin und her. Zum Glück
war niemand im Zimmer, weil ich mir dabei etwas komisch vorkam, aber es
half! Das Kribbeln in den Beinen und die damit verbundene Angst ließen nach.
Während der
anschließenden Operation half es mir, mich immer wieder an meine Ressourcen
zu erinnern. Die Hände auf meinen Bauch zu legen, mich in kleinen
Behandlungspausen so gut wie möglich bei jedem Ausatmen zu entspannen und
mir das Brausen des Meeres als Gegengeräusch zum Bohrer vorzustellen. Es
ging schneller vorbei, als ich erwartet hatte, und ich freute mich, als ich
vom Behandlungsstuhl aufstehen und mit einer kalten Kompresse auf der Backe
die Praxis verlassen durfte.
Die für mich spürbaren
positiven Effekte der SE © -Prophylaxe waren:
- Ich fühlte mich direkt
nach der OP wacher und fiter als sonst und hatte weniger akute
Nachwirkungen wie Benommenheit, Verwirrtheit, motorische Unruhe, Zittern
oder Unsicherheit und
- erholte mich in den
Tagen nach der OP sehr schnell, hatte keine Alpträume (wie sonst häufig),
keine depressiven Verstimmungen und weniger Muskelverkrampfungen (bes.
Nacken- und Rückenmuskulatur)
Aus der oben
beschriebenen eigenen Erfahrung kann ich die prophylaktische Anwendung von
SE © vor Zahnarztbehandlungen oder Operationen sehr empfehlen, besonders für
Menschen mit stärker werdenden Angst- und Stressreaktionen
- SE © scheint das
Auftreten von traumatischen Stresssymptomen, wie sie oft unvermeidlich bei
solchen Behandlungen entstehen, deutlich zu verringern.
- Bei dem oben
beschriebenen Ereignis handelte es sich um eine Verknüpfung von akutem
Stress und Erinnerungen an ähnliche traumatische Ereignisse, die in der
Vergangenheit erlebt wurden. Hier konnte die SE © -Methode vermutlich alten im
Körper gespeicherten Stress abbauen und somit verhindern, dass kleine Trigger (Auslöser) wie eine Spritze oder Bohrgeräusche zu neuen starken
Stressreaktionen führten.
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